
Warum Chakras in meinem Sound Healing eine untergeordnete Rolle spielen
Für mich spielen Chakras keine Rolle im Sound Healing.
Das stimmt nicht ganz – aber lass mich erklären.
Bevor ich das tue, ein Disclaimer: Wenn du bereits mit Chakras arbeitest, wenn du deine Sessions rund um das 7-Chakra-System aufbaust und das für dich und deine Klient*innen stimmig ist – go for it. Dein Sound Healing ist sicherlich super. Was ich hier schreibe, ist keine Kritik daran.
Ich bin vor einigen Jahren auf einen Artikel gestoßen, der mich wirklich beschäftigt hat. Und seitdem schaue ich auf das Thema Chakras anders. Ich möchte dir zeigen, was ich dort gelesen habe – und was das für meine eigene Praxis bedeutet.
Was wir über Chakras zu wissen glauben – und was wirklich dahintersteckt
Der Artikel, den ich meine, wurde von Christopher Hareesh Wallis geschrieben – einem Sanskrit-Gelehrten und Praktizierenden des Tantrik Yoga. Der Titel: The Real Story on the Chakras.
Wallis ist kein Esoterikkritiker. Er ist selbst tief in der Tradition verwurzelt. Aber er stellt darin sechs Dinge klar, die das meiste, was wir im Westen über Chakras zu wissen glauben, ziemlich stark ins Wanken bringen.
Hier die wichtigsten Punkte – für mich und für diesen Artikel:
1. Es gab nie ein einheitliches Chakra-System.
Im Tantrik-Yoga, aus dem das Chakra-Konzept stammt, gab es viele verschiedene Systeme: Fünf-Chakra-Systeme, Sieben-Chakra-Systeme, Zehn-, Zwölf-, Einundzwanzig-Chakra-Systeme – je nach Tradition, Lineage und der spezifischen Praxis, für die das System gedacht war. Das Sieben-Chakra-System, das wir heute kennen, wurde erst ab dem 13. bis 15. Jahrhundert dominant.
2. Chakra-Systeme waren Meditationswerkzeuge, keine Beschreibung der Realität.
Hier liegt vielleicht das fundamentalste Missverständnis. In den Originaltexten wurden Chakras nicht als Fakten über den Körper beschrieben (so wie Organe beschrieben werden), sondern als Vorschriften für die Meditation: „Visualisiere eine Lotusblüte mit vier Blättern an der Basis des Körpers.“ Sie waren Werkzeuge für spezifische spirituelle Ziele – nicht Landkarten der Realität.
3. Die psychologischen Zuordnungen sind modern und westlich.
Dass das Wurzelchakra mit Überlebenssicherheit assoziiert wird, das Solarplexuschakra mit Willenskraft und das Herzchakra mit Liebe – das findet sich in keinem Sanskrit-Text. Diese Zuordnungen entstanden im 20. Jahrhundert, maßgeblich beeinflusst durch Carl Jung und westliche Okkultisten wie C.W. Leadbeater. Sie wurden dann als „altes Wissen“ präsentiert.
4. Das heutige Sieben-Chakra-System basiert auf einem Text von 1577.
Und auf einer fehlerhaften englischen Übersetzung desselben Textes aus dem Jahr 1918. Nicht auf Jahrtausende alten Schriften.
5. Die Töne (LAM, VAM, RAM, YAM…) gehören nicht den Chakras, sondern den Elementen.
LAM ist das Mantra des Erdelements – nicht des Muladhara Chakra. Das Element Erde wurde in verschiedenen Traditionen in sehr unterschiedliche Chakras installiert. Die enge Kopplung von Ton, Farbe und Chakra ist eine spätere, stark vereinfachte Konstruktion.

Was das mit Sound Healing zu tun hat
Sound Healing ist in den letzten Jahren populär geworden. Das ist grundsätzlich gut. Aber in diesem Zug wurde auch viel Vereinfachung mitgespült.
Eine häufige Vereinfachung: Die Idee, dass bestimmte Töne oder Klangschalen „für“ bestimmte Chakras seien. Dass 528 Hz „das Herzchakra heilt“. Dass eine F-Klangschale automatisch mit dem Herzbereich korrespondiert.
Ich sage das ohne Wertung: Diese Systeme können hilfreich sein. Wenn jemand durch die Vorstellung einer grünen Klangschale über dem Herzen Entspannung findet, ist das real und wertvoll.
Aber wenn ich mir die Ursprünge anschaue – wenn ich bedenke, dass diese Zuordnungen 100 Jahre alt sind und nicht aus den Traditionen stammen, die sie zu vertreten vorgeben –, dann kann ich sie nicht als Fundament meiner Praxis nehmen.
Womit ich stattdessen arbeite
Mein Fundament im Sound Healing ist die Tibetische Klangschale. Nicht wegen ihrer Chakra-Zuordnung, sondern wegen ihrer Klangqualität, ihrer Obertöne, ihrer Fähigkeit, das Nervensystem direkt zu erreichen.
Ich arbeite mit einem Chakra-Klangschalenset. Die Anordnung der Schalen am und um den Körper gibt mir Struktur und Intention – sie ist mein Rahmen, nicht meine Vorschrift.
Was ich damit nicht tue: einer Logik folgen, die sagt, diese Schale muss jetzt auf das Herzchakra, weil sie die richtige Frequenz für Liebe hat. Das wäre ein Schema über die Wahrnehmung gelegt – und genau das will ich nicht.
Im 1:1 folge ich der Resonanz. Wenn jemand sagt, er spürt etwas im Brustbereich, arbeite ich dort. Wenn die Vibration irgendwo anders anklopft, gehe ich dorthin. Im Gruppenklangbad spielt die Einzelzuordnung noch weniger eine Rolle – da geht es um einen Klangteppich, der den ganzen Raum trägt und alle Menschen darin gleichzeitig erreicht.
Was ich in jeder Session will: das Nervensystem so tief beruhigen, dass die körpereigenen Selbstheilungskräfte greifen können. Und dass die leise Stimme der Intuition – die im Alltag so oft übertönt wird – wieder hörbar wird.
Das braucht kein System. Das braucht Resonanz, Präsenz und Intention.
Intention vor Instrumentenmenge. Immer.
Warum ich das trotzdem anspreche
Es gibt einen Grund, warum Chakras so populär sind: Sie geben Orientierung. Sie machen etwas Unsichtbares sichtbar. Sie geben Menschen eine Sprache für innere Erfahrungen.
Das ist wertvoll. Und ich nehme das niemanden weg.
Aber ich glaube, wir tun dem Feld Sound Healing keinen Gefallen, wenn wir Systeme als uraltes Wissen verkaufen, die in ihrer heutigen Form 100 Jahre alt sind. Das untergräbt das echte Fundament – das, was tatsächlich tradiert wurde, getestet wurde, über Generationen verfeinert wurde.
Ehrlichkeit über die Herkunft eines Systems stärkt es. Sie macht es nicht schwächer.
Fazit
Chakras spielen in meinem Sound Healing eine untergeordnete Rolle – nicht weil ich sie ablehne, sondern weil ich ihre Geschichte kenne und meine Praxis auf einem ehrlicheren Fundament aufbauen will.
Das Nervensystem beruhigen. Die Selbstheilungskräfte stärken. Die leise Stimme der Intuition hörbar machen. Das sind meine Koordinaten – kein Farbsystem, kein Schema.
Wenn dich das Thema vertieft interessiert, empfehle ich den Artikel von Hareesh Wallis ausdrücklich:
The Real Story on the Chakras – hareesh.org
Gut recherchiert, direkt auf die Quellen.
Hast du Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir gerne direkt über das Kontaktformular.
Und wenn du Sound Healing nicht nur erleben, sondern verstehen und selbst vermitteln möchtest: In meiner Sound Healing Ausbildung gehen wir genau solchen Fragen auf den Grund.
Shammi
Sound Healer, Bhakti-Musiker, Yogalehrer aus Stuttgart
shamminski.com

