Unsere Wahrnehmung

Wie sehr male ich Bilder von anderen – und mir selbst – und nehme nur das wahr, was meine Bilder bestätigt?

In letzter Zeit merke ich wieder, wie stark ich in meiner eigenen Wahrnehmung gefangen bin. Es scheint fast unmöglich, die Realität objektiv wahrzunehmen – egal ob es das Gegenüber, die Stadt, eine Situation oder ich selbst bin.

Schubladendenken in subtiler Form

Stets male ich ein Bild der Person und höre, sehe, spüre und verstehe nur das, was mein vorgezeichnetes Bild unterstützt. Damit bestätige ich meine Einstellungen und urteile, anstatt von Moment zu Moment wirklich wahrzunehmen, was mein Gegenüber sagt oder wie sich die Person verändert hat. Besonders deutlich wird das bei alten Freund*innen, gegenüber denen sich die Wahrnehmung manchmal seit der Schulzeit nicht geändert hat – obwohl die Person inzwischen eine völlig andere ist.

Warum mache ich das? Weil es einfacher ist.

Es fällt einfacher, Handlungen und Aussagen auf das vorgefertigte Bild zu beziehen. Nicht selten kritisieren wir an anderen das, was wir an uns selbst kritisch sehen. Es kann auch ins Gegenteil kippen: wenn ich jemanden unbedingt mögen will, sehe ich nur die positiven Dinge, die meine Gefühle bestätigen.

Auch mir selbst gegenüber

Das gleiche passiert mit der Selbstwahrnehmung. Anstatt die Realität objektiv zu sehen, werden Empfindungen wiederholt – gewohnte Ängste, Erwartungen, Reaktionen. Oft passiert in einer Situation gerade etwas komplett Neues, und doch spielen sich bekannte Verhaltensmuster ab. Dieses affektierte Verhalten lässt sich langsam auflösen – anstrengend, aber lohnenswert. Man baut Vorurteile sich selbst gegenüber ab und kommt sich selbst näher.

Auch ich werde projiziert

Nicht nur ich male Bilder. Auch von mir werden Bilder gemalt: als „Yogi“, Filmemacher, Mann, Freund. Eigenschaften werden mir zugeschrieben oder abgesprochen. Wenn ich für jemanden nicht passend bin, sagt das oft mehr über die andere Person aus als über mich. Und das meine ich nicht negativ – mir geht es ja genauso.

Eine Zu- oder Abneigung mir gegenüber sagt meist mehr über die andere Person aus als über mich.



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